Leseprobe
Kurz vor Hurghada, 17. August, 17.00 Uhr
In wenigen Minuten würde Flug AGL 102 der ägyptischen Chartergesellschaft Aegypt Aerolink auf dem Hurghada International Airport landen und, wie dreimal pro Woche üblich, eine buntgemischte Schar sonnenhungriger, erwartungsfroher Touristen auf der von der Wüstensonne aufgeheizten Betonpiste vor dem Terminal des Flughafens ausspucken. Elena Kotar, Maître de Cabine, kämpfte sich schon seit geraumer Zeit durch die viel zu eng geratenen Sitzreihen der Touristenklasse; ein geschäftsmässiges Lächeln auf den Lippen, das vertrauenswürdig auf diejenigen Fluggäste wirken sollte, deren Stirn trotz Klimaanlage mit Schweissperlen überzogen war und in deren Händen sich kontinuierlich kleine, kalte Pfützen bildeten. Ihre dunkelbraunen Haare hatte sie zu einem gepflegten Pferdeschwanz zusammengebunden, und das dezent aufgetragene Make-up brachte ihre tiefschwarzen Augen aufregend gut zur Geltung. »Bitte bringen Sie Ihre Rückenlehne in eine aufrechte Position und schnallen Sie sich an.« Schon mindestens vier Mal hatte sie sich mit dieser Ansage an die immer noch erstaunlich aktiven, aber scheinbar schwerhörigen Fluggäste gewandt. »Schade, dass wir gleich nach Kairo weiterfliegen werden«, stichelte Florina im Vorbeigehen, wohl wissend, dass Elena schon seit längerer Zeit ein Verhältnis mit Azmi Salah, dem Sicherheitschef der Flughafenpolizei in Hurghada hatte. Ihr Ehemann, ein angesehener ungarischer Diplomat in Kairo, würde sie wohl in Stücke reissen, sollte er jemals davon erfahren. »Da hast du wohl unseren neuen Einsatzplan verpasst«, erwiderte Elena mit einem breiten Grinsen, »denn sonst wüsstest du, dass die Crew in Hurghada ausnahmsweise ausgetauscht wird. Wir fliegen erst morgen früh weiter.« Florina wischte Elenas Bemerkung mit einem »träum weiter« beiseite und rollte ihre hübschen Augen. Obwohl: Ein paar Stunden Schlaf würden auch ihr gut tun.
Dino Flavio blickte fasziniert durch das kleine, ziemlich zerkratzte Fenster auf die unendliche Weite der Wüste, als Flugkapitän Amman seiner Crew via Bordlautsprecher das übliche »please prepare for landing in ten minutes« durchgab.
Als er kurz zur Seite blickte, bemerkte er, dass seine Frau noch immer in ihr behämmertes Kreuzworträtsel vertieft war. Unmerklich schüttelte er den Kopf, denn wenn er etwas nicht verstehen konnte, dann war es das Desinteresse Silvyas an den Landschaften und Gepflogenheiten in den von ihnen bereisten Ländern. Wie schon im letzten Urlaub würde sie sich die meiste Zeit genüsslich in ihrem Liegestuhl am überfüllten Pool räkeln, belanglose Gespräche mit anderen Hotelgästen führen oder weitere Kreuzworträtsel knacken, während er schon frühmorgens am Strand unterwegs sein und die Morgen-stimmung in sich aufsaugen würde. »Die besten Jahre unserer Ehe haben wir wohl endgültig hinter uns«, sinnierte Dino nicht ohne Wehmut, »auch wenn wir in unserem Umfeld noch immer als Vorzeigepaar gelten.« Nun waren sie nicht mehr weit vom Ende ihrer Beziehung entfernt, und obwohl er seit einigen Jahren mit immer teureren Geschenken und Ferienreisen dagegen anzukämpfen versuchte, wusste er, dass ihre Ehe im Grunde genommen nur noch auf dem Papier bestand. »Den Schein wahren«, pflegte seine Mutter in solchen Situationen immer zu sagen, und Dino hätte nicht im Traum daran gedacht, dass auch er einmal nicht den Mut dazu haben würde, die Seifenblase ihrer Illusion zerplatzen zu lassen.
Ein leichter Ruck deutete an, dass die Piloten das Fahrgestell ausgefahren hatten. Nun würde es nur noch wenige Augen-blicke dauern bis zur Landung in Hurghada. Florina setzte sich auf ihren Sitz, zurrte sich fest und warf einen letzten Kontrollblick in die Kabine. Der ältere Herr auf Sitz 27A giftete sie immer noch an, denn sie hatte ihm auf Geheiss Elenas einen weiteren Drink verweigert. In den Gesichtern der zwei Teenager eine Sitzreihe weiter hinten spiegelte sich die Vorfreude auf den Urlaub. Bestimmt tanzten sie in Gedanken bereits in der Hoteldisco, die laut Prospekt »einzigartig« sein sollte. »Sonne, Sand, Meer, Liebe« – ein Lächeln huschte über Florinas Gesicht. Noch zwei Wochen, und dann würde sie mit ihrem eigenen Freund ein paar herrliche Tage in Tunesien verbringen. Eine leichte Turbulenz erfasste die Maschine; nicht ungewöhnlich über der Wüste, da hier die Thermik besonders stark ist. Florina dachte an die bevorstehenden Arbeiten: Check der Kabine, nachdem die Passagiere das Flugzeug verlassen hatten. Der zwar kurze, aber mühsame Transfer ins Hotel der Airline. Eine intensive Schlacht am immer fast gleich aussehenden Buffet. Eine schnelle Dusche, fünf Stunden Schlaf, dann schon wieder zurück zum Flughafen und neue Passagiere in Empfang nehmen. Trotzdem war auch sie froh darüber, dass es erst am nächsten Morgen weitergehen würde. Da fiel ihr Blick auf die Tragfläche, und im ersten Moment dachte Florina, es sei die Abendsonne, die sich auf dem Metall spiegelte. Als sie ihren Irrtum bemerkte und sich erschrocken nach Elena umsah, schoss eine grosse Stichflamme aus dem Triebwerk. Auch Elena spürte jetzt das starke Rucken der Maschine, doch da sie nicht wie Florina direkt am Fenster sass, wunderte sie sich noch, was das wohl sein konnte. Vor den vor Schreck weit aufgerissenen Augen Florinas zerbarst die Tragfläche mit einem Knall. Teile des zerfetzten Flügels bohrten sich mit unsäglicher Gewalt in den Rumpf des Flugzeuges. Elena war schon tot, bevor die Maschine unter dem schrillen Aufheulen des verbliebenen Triebwerks auf die Seite kippte. Den erschrockenen Blick der Passagiere, die Gesichter, die durch die Angst zu grässlichen Fratzen wurden und dann, nach einem kurzen Moment gespenstischer Ruhe, in welchem nur das Kreischen der Turbine und das Schlagen des Wüstenwindes an der Aussenhaut der Kabine zu hören waren, die verzweifelten, panik-erfüllten Schreie der Fluggäste; das alles nahm Elena nicht mehr wahr. Als Flug AGL 102 etwa zwölf Kilometer vor Hurghada mit der linken Tragfläche auf dem heissen Wüstenboden aufschlug, die Tanks augenblicklich explodierten und sich ein riesiger Feuerball gierig durch den Flugzeugrumpf frass und alles verschlang, was es zu verschlingen gab, als die Maschine dann hunderte Meter weiter von ein paar Felsbrocken buchstäblich auseinander gerissen wurde, waren sie alle tot: 93 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder.